„Hip-Hop is us!“ (Faada Freddy, Daara J)
Rap ist auf seine wirtschaftliche Effektivität reduziert worden. Von wegen! Im Senegal - einer der Hochburgen des afrikanischen Hip-Hop - jedenfalls nicht. Wir haben dort das Selbstbewußtsein in doppelterlei Hinsicht vorgefunden. Zum einen, weil die Senerapper ihr Land nach den USA und Frankreich als drittgrößte Hip-Hop-Nation begreifen. Ja, genau, der Welt. Zum anderen verstehen sie sich als ebenso gesellschaftliche als auch ästhetische Kraft. Fotos und Interviews gibt es von Sandy Häßner unserer Frau in Dakar.Der Hip-Hop des Westens befindet sich in einer Krise. Eigentlich ist der Nordwesten damit gemeint. In den 70ern tauchten die ersten Rapper als mächtige Stimmen der Ausgestoßenen in den New Yorker Gettogegenden auf. Heute ist Hip-Hop vielfach in Gewaltverherrlichung, Frauenfeindlichkeit und verbrauchtem Gehabe vor der Kamera abgetan. Was als minoritärer Ausdruck - virtuos und aggressiv zugleich - in den Lebensstil ganzer Generationen eingedrungen war, ist vieler Orts zur leeren Aggro-Geste verkommen. Der totalen Durchplanung und Verwertung durch das Marketing der Plattenkonzerne haben weder Newcomer noch Stars viel entgegenzusetzen.
Aber die Zeiten von „Fight the Power“ sind keineswegs überall vorbei. Auf dem afrikanischen Kontinent klingt der berühmte Song von Public Enemy auf ganz eigene Weise nach - auch und besonders im Senegal. So wenden sich etwa DAARA J - die Alltstars des Senegalesischen Raps - offensiv gegen die sexistische Ausbeutung von Frauen, die zum Standardinventar der Texte und Videos westlicher Rapper gehört. Statt dessen sieht sich die Band in der Tradition der Griots, jener afrikanischen Geschichtenerzähler, deren Stimmen ihre Zuhörer schon hunderte von Jahren vor der Erfindung des Rap in den Bann zogen. Wie die Griots wollen DAARA J über die gesellschaftliche Realität berichten, um sie so zu verändern.
Politisches Bewußtsein ist eine Selbstverständlichkeit in der blühenden Rapszene des Senegals. Allein in der Hip-Hop-Metropole Dakar sind über 3.000 Bands aktiv. Das gesellschaftliche Engagement der Senerapper reicht von der kritischen Auseinandersetzung der politischen Lage und der Situation der Bevölkerung, bis hin zur Unterstützung von Nachwuchstalenten mit neu aufgebauten Studios. Aber afrikanischer Hip-Hop ist nicht gleich zu setzen mit Politik oder Sozialarbeit. Er ist ein Lebensstil, in dem politische Haltung und künstlerischer Ausdruck weniger zusammenfallen, als sich aneinander zu reiben. Er ist eine stilbildende Kraft, vielleicht am ehesten beschreibbar mit einem Begriff wie Ästhetik des Widerstands.
Posing auf senegalesisch
Sowohl etablierte Künstler wie DAARA J oder Keyti, als auch die Senerapper der jüngeren Generation, wie Chronik 2H oder Wageble wissen, wie wichtig neben ihrer Musik ihre visuelle Präsentation auf Alben, Pressefotos und Homepages für den nationalen und internationalen Erfolg ist. Diese Kunst der Selbstdarstellung dokumentiert und inszeniert Sandy Häßner mit ihrer fotografischen Arbeit. MÄCHTE stellen eine Bildauswahl der deutschen Fotografin vor.
In ihrem harten Schwarzweiß entfalten die Fotos vom ersten Moment an, eine starke Wirkung auf den Betrachter aus. Dennoch sollte man sich etwas Zeit nehmen genauer hinzuschauen. Denn dann wird er womöglich Erstaunliches entdecken: Hier und da eine Eigenheit in der Haltung, die auf dem ersten Blick von einer mehr oder weniger bekannten Plattencoverpose verdeckt war. Oder ein Detail der senegalesischen Lebenswelt, das ein Bild vom Rand her völlig verändern kann. Vielleicht auch einen direkten Blick in die Kamera, dem man abnimmt, dass der Ausruf „Respekt!“ keineswegs ein schnell dahin gesagter Teil eines wertlosen Phrasegefüges geworden ist.
Senerap am Wendepunkt
Für MÄCHTE hat Sandy Häßner ihre Fotografien um Interviews ergänzt. Zusammen ergeben Bild- und Textebene ein vielschichtiges Selbstbildnis der Hip-Hopper von Dakar. Nach fast zwanzigjähriger Geschichte steht der Senerap an einem entscheidenden Wendepunkt. Einerseits ist die Szene durch ihr politisches Engagement weltweit bekannt geworden. Sie spielte beim Sturz der sozialistischen Regierung während der Wahlen im Jahre 2000 eine wichtige Rolle. Andererseits fühlen sich immer mehr Rapper von der neuen Regierung unter Abdoulaye Wade, die vor einigen Monaten wiedergewählt worden ist, im Stich gelassen. Die Not der Senegalesen, als deren Stimme sich die Rapper verstehen, ist nach wie vor akut. Die Enttäuschung darüber, dass sich ihr Engagement nicht ausgezahlt hat, setzt viele Künstler verstärkt der Versuchung aus, sich mit der korruptionsverdächtigen Regierung Wade zu arrangieren, statt sie weiterhin zu kritisieren. Dies um so mehr, da die Rapper selbst nicht im Überfluß schwelgen. Nur in Ausnahmefällen können sie von ihrer Musik leben.
Und dennoch: Senerap ist nach wie vor die positive Kraft von unten in der senegalesischen Öffentlichkeit. Er ist eine Dimension freier Stimmen, die sich nicht von Politikern, Marabouts (das sind religiöse Führer) oder Staatsmedien einschüchtern lassen wird. Er strebt sowohl Wahrhaftigkeit als auch Inszenierung an, Botschaft ebenso wie Pose. Der Kampf hat erst begonnen.
Rap lebt im Senegal: Senerapper in Wort und Bild in der ersten Ausgabe des MÄCHTE Magazins
MÄCHTE Magazin Ausgabe Nummer 1 ab 22.11.2007 an einem Kiosk in Ihrer Stadt erhältlich!
Mehr Infos zu MAECHTE: www.maechte.com
Fotos von Sandy Haessner:
http://www.greeneyezdesigns.com
http://www.myspace.com/greeneyezdesign
http://greeneyezdesign.ipernity.com
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